Der Oberlehrer. Oder: Wenn man intellektuell scheitert, hilft die Grammatik

Released at 18 Feb. 2013

Joachim Rohloff kann Grammatik, Orthographie und Korinthen kacken. Und alle schreien "Hurra!" Dabei steht in Rohloffs Exegese selbst alles, was man wissen muss:

"Joachim Rohloff lebt als freier Lektor in Berlin (und nimmt Auftraege an)."

In meiner Schulzeit hatte ich einen Deutschlehrer, der aehnelte Herrn Rohloff frappierend. Herr H.-E., der stets kritisch und stets unfehlbar war, liess kein gutes Haar an keinem. Immerhin verdanke ich ihm einige lateinische Erkenntnisse und Einblicke. Und ich fand ihn nicht schlecht um mich an jemandem zu reiben, mich durch Aergern ueber Pedanterie selbst zu finden.

Herr H.E. war Oberstudienrat der besten Sorte. Ein mir fluechtig bekannter Journalist, der auch in den Genuss des Deutsch-Unterrichts dieser Groesse deutscher Grammatik und korrekten Satzbauens gekommen war, berichtete, dass er noch Jahre nach seinem Abitur Briefe erhielt, in denen Herr H.-E. ihm ausgeschnittene Zeitungsartikel mit allen seinen Fehlern und Uebeltaten (rot markiert!) zukommen liess. Herr H.E., das ist das Schoene, ist im Recht.

Dennoch kann ich darueber nichts als lachen. Denn es ist nichts als das: irgendwie laecherlich. Stets versuchte ich, es als Bereicherung zu sehen und das war es auch. Er war der Grammatik-Orthografie-Satzbau-Diamant, der mich schliff. Doch das Selberdenken konnte er niemandem beibringen.

Nehmen wir einmal an, das, was gewisse Menschen mit Verstand in "Ego" gefunden haben - und zwar an Inhalten und Gedanken - das sei bedenkenswert. Etwa die kurzen Gedanken von Marco Herack. Was hat Herack im Gegensatz zu Rohloff getan? Er hat frevelhafter Weise ueber alle sprachlichen und orthographischen Missetaten hinweggelesen und die Interpunktion so hingenommen wie sie ist (teilweise falsch) und sich auf die politischen Aussagen konzentriert. Empoerend!

Was derzeit passiert und wie etwa mein Lieblingsbeispiel twitter wieder einmal reagiert, illustriert sehr gut den Stand des Denkens in der Mehrheit aller Redaktionen, in der Mehrheit der Koepfe und der Debatten: Wenn ich keine Lust habe, ein Thema zu diskutieren, oder meine Meinung ueber einen Menschen meine Faehigkeit zum Zuhoeren aushebelt, dann entstehen daraus eine Menge Oberlehrer und Denunzianten, die es nicht mehr schaffen, jenseits ihrer Hypewelle zu denken. Die es vermeiden und verpassen, Raum fuer das Politische zu schaffen, fuer das Trennende und den Dissenz.

Am Ende fuehlen sich alle bestaetigt. Auch ich. Twitter, die Welt und die Oberlehrer sind fuer mich Orte und Menschen geworden, an denen ich nicht mehr sein und mit denen ich nicht mehr reden will. Wer Rohloffs Text herumjubelt und beklatscht ohne dessen Narzissmus wahrzunehmen, und ohne auch nur selbst einen Blick in das Verrissene geworfen zu haben, sollte sich einige Fragen stellen. Fragen ueber Respekt, Pluralitaet, eigene Ernsthaftigkeit und Skepsisfaehigkeit.