Twitter Exil

Released at 30. April 2013

Die Kadda hat ja twitter verlassen, sagen sie. Und das stimmt ja: Meinen ueber 2.000 Follower starken Account habe ich verschenkt. Der gehoert jetzt buuu.ch, die mit den Kinderbuechern. Und ich bin froh. Warum, das habe ich schon oft erklaert. Schon oft darueber geschrieben. Und dennoch scheint es nicht ganz klar zu sein:

Ich habe twitter verlassen, weil ich dort unfrei geworden bin. Ich bin ja ein recht empathischer Mensch - ich baue schnell zu Menschen eine Beziehung auf. Auch auf twitter ist mir das passiert. Zuerst war das sehr schoen und angenehm. Ich war junge Bloggerin beim meistgelesenen feministischen Blog in Deutschland. Ich schrieb eine Kolumne fuer den Freitag. Auf twitter lernte ich Leute kennen, die ich sonst nicht kennen gelernt haette. Schloss ich Buendnisse, las, was sie lasen, informierte mich ueber tagesaktuelles Geschehen und war ich bei der arabischen Revolution genauso dabei, wie bei der Verhandlung von Pussy Riot.

Wo ist also das Problem?

Das Problem war, dass ich eigensinnig bin. Mich ungern - oder zumindest nur bis zu einem gewissen Grad - anpasse und eine Haltung habe, die nicht beliebig ist. Angefangen hat es 2010, als ich dafuer plaedierte, dass mehr Frauen in die Bundeswehr sollten. "Alphamaedchen an die Front" titelte ich in der Maedchenmannschaft. Das gab den ersten kleinen Shitstorm und das erste inhaltliche Scharmuetzel zwischen mir und meinen damals noch Kolleginnen in der Maedchenmannschaft. Der Artikel war ohne Frage polemisch und provokativ. Aber inhaltlich stehe ich immer noch zu der Ueberlegung, die zentral darin war: Frauen sollten sich einmischen - auch in den Konflikten dieser Welt und seien sie bewaffnet. Einiges wuerde ich heute anders schreiben. Wuerde mehr auf die Responsibility to Protect abstellen, von der ich damals noch nicht viel wusste. Aber ich denke schon, dass Frauen ihren eigenen Frieden verteidigen sollten, wie es Alice Schwarzer einmal formulierte.

Etwa zur gleichen Zeit begannen andere Denkrichtungen an Einfluss zu gewinnen, die im Lichte von Kulturrelativismus begannen, Kritik an Religionen zu verhindern, wenn es sich bei der kritisierten Religion nicht um das Christentum handelte. Als Religionskritikerin by Heart eine schwierige Sache fuer mich. Aber ich kann nachvollziehen, dass der Grat zwischen Religionskritik und Othering sehr schmal ist. Vielleicht ist es nicht falsch, wie Hardt und Negri feststellen, dass der neue Rassismus sich weniger entlang von tatsaechlichen Hautfarben oder irgendwelchen anderen aeusseren Merkmalen erstreckt, als vielmehr eine Abwertung anderer Kulturen im Vergleich zu der eigenen ist. Dennoch muss es moeglich sein, die Burka zu kritisieren - sie ist ein politisches Mittel, das Frauen im Namen von Religion unterdrueckt. Doch das Kritisieren der Burka wurde zunehmend schwierig - das kritisieren solcher politisch-religioesen Praxen generell schnell des Rassismus verdaechtig.

Nun war ich also tendentiell militaristisch wie auch rassistisch eingestellt. Zumindest den neuen Definitionen - oder sollte man besser sagen Denunziationen? - zufolge. Es begann ein Machtkampf innerhalb der Maedchenmannschaft: Da waren auf der einen Seite die "Alphamaedchen" Barbara, Susanne plus ich, und auf der anderen jene, die sich als "radikaler" verstanden. Zwar waren wir drei der offizielle Vorstand des Vereins (es wollte sonst niemand die Verantwortung dafuer uebernehmen), aber man misstraute uns, wollte nicht, dass wir fuer die Maedchenmannschaft sprechen. Ich schweife ab. Wir gingen und damit wurde es insgesamt schwieriger im Netz, im Feminismus. Anfangs betrieben beide Seiten eine Art Appeasement-Politik. Aber das hoerte auf, als ich oeffentlich verlangte, dass Respekt gegenueber anderen Meinungen default sein sollte. Auch und gerade in feministischen Kreisen und Diskussionen.

Nur mit solch einem Respekt, das ist meine Ueberzeugung, ist Vielfalt moeglich. Nur durch Vielfalt - das ist der zweite Teil meiner Ueberzeugung, ist Emanzipation moeglich. Pluralismus ermoeglicht Freiheiten.

Auf twitter gab es fuer mich bald immer weniger Pluralismus. Ich entfolgte zwar radikal. Ich machte Pausen. Manchmal loggte ich mich nur mit meinem Zweitaccount ein, der 20 Leuten folgte. Doch was ich auch tat: Ich war regelmaessig mit den Mechanismen auf twitter konfrontiert, die mir Unbehagen bescherten. Sei es die Hype-Kultur, sei es das miesepetrige Gejammer, sei es der Narzissmus Einzelner, sei es die Konformitaet, das Herdendenken oder auch die Nachricht, dass Leute eine gute Sache bashten oder spalteten, weil diese angeblich sexistisch, rassistisch oder sonstwie istisch war. Twitter nahm mich mit, beanspruchte einen zu grossen Teil meiner Zeit, war haeufig der Anfangspunkt von Gedankenkreisen. Anfangs hatte ich stets den Impuls gehabt, etwas schoenes mit twitter zu teilen. Am Ende fragte ich mich nur noch, ob ich etwas auf twitter sagen koenne, ohne gleich wieder in die Ecke gestellt zu werden. Es mag sein, dass meine Rezension von Noah Sows Buch ein bisschen zu sehr auf die Kritik daran abhob und der Satz "sollte man unbedingt gelesen haben - total wichtiges Buch" zu kurz kam. Aber Unverhaeltnismaessigkeit hin oder her: Die Kritik ist in meinen Augen berechtigt gewesen, haette im Vergleich zum Lob sicherlich anders gewichtet werden koennen, rechtfertigt aber wenige der Reaktionen auf twitter und in Blogs.

Ich bin offen fuer Kritik und habe in meinem Blog auch genau geschaut, was Kritik ist, die mir selbst auch weiterhilft. Kritik ist wichtig - ob ich andere kritisiere oder andere mich! Aber auf twitter sind zwei andere Dinge passiert: Im Medium der gegenseitigen Zuneigung (faven und retweeten sind die ausschlaggebenden Elemente- uebrigens auf Facebook recht aehnlich: man kann nur gefallen) scheint es nicht moeglich, auch angesichts von 140 Zeichen, Kritik zu formulieren oder zu ertragen. Und anstatt sich, so wie frueher, auf die Meinung von Menschen, mit denen man sich real unterhaelt und die man vielleicht Freunde sind, zu konzentrieren, scannt man ploetzlich die Meinung und Haltung von Hunderten. Sie kommen einem wichtig vor und man moechte sie auch einfach gerne verstehen - einfach nur, weil sie da sind. Weil sie schreiben und in der eigenen Timeline auftauchen. Hier ist das Problem mit der Empathie deutlich sichtbar - das Unvermoegen, mich abzugrenzen hat mich auf twitter unfrei gemacht. Echtzeitkommunikation hat mich ueberfordert. Erst habe ich mich selbst zensiert, denn ich wollte keinen Stress. Dann habe ich den Account fuer eine Weile in die Haende eines Freundes gegeben und gemerkt: Frieden.

Frieden. Ruhe im Kopf. Es war ein paar Tage lang schwierig. Das Gehirn hatte Verhaltensmuster eingeschliffen, twitter gehoerte zu meinem Tagesablauf einfach dazu. Wie sollte es gehen, ohne twitter? Wie sollte ich Ereignisse, die ich wichtig fand, verarbeiten, wenn nicht in 140 Zeichen? Ich bloggte anfangs mehr, instagrammte mehr... all das hat aber auch nachgelassen. Es wurde ruhiger im Kopf. Ich landete wieder mehr bei mir, bei meinen eigenen Gedanken. Bei Buechern, bei Podcasts. Ich war freier.

Man hat mich nicht von twitter vertrieben. Ich habe mich von twitter emanzipiert. Die Distanz zu einigen Menschen und Themen hat mir geholfen, wieder freier zu denken. "Ohne Gelaender", koennte man an Hannah Arendt denkend sagen. Und das tut unglaublich gut.

Geblieben sind Freunde und Kontakte, die sehr anders ticken. Ein paar sind auch auf twitter. Manche meiner Freunde auch als "Heavy User". Das geht okay. Es gibt Menschen, die koennen sich besser abgrenzen. Oder sind einfach nicht so eigensinnig. Oder beides. Oder twitter gibt ihnen eben mehr, als es nimmt. Das war bei mir nicht so. Und einige sagen hinter vorgehaltener Hand: "Ich merke ja auch, was es mir macht... aber ich liebe es einfach zu sehr."

Sorry twitter, aber ich liebe dich einfach zu wenig. Der Frieden, die Freiheit - die liebe ich.