Hetero-Ehe? – okay, aber bitte 1.000€ pro Kind nach der Scheidung

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Ich stolperte neulich über diesen sehr interessanten Thread und Streit auf twitter:

Miriam Vollmer liegt in meinen Augen vollkommen richtig. Das Argument, dass Feministinnen immer nur auf Hausfrauen rumhacken ist alt, mir schon unzählige Male begegnet und ich kann jedes Mal nur gähnen. Wir hacken nicht drauf rum, wir sind einfach nur realistisch, so leid es mir tut.

Aber: Ich habe einen Tipp an alle Frauen, die planen eine Hetero-Ehe mit einem Mann und ggf. Kindern einzugehen und ich meine es verdammt ernst. Sichert euch ab. Macht einen Ehevertrag, in dem ihr genau festhaltet, wie ihr von ihm abgesichert werdet, falls es zur Scheidung kommt. Und zwar abhängig davon, wieviel Sorgearbeit er übernommen hat.

Das erste Kind wird geboren? – Ehevertrag her und am besten noch vor der Geburt festschreiben: Sollte es zu einer Scheidung kommen, dann sollte der Mann der Frau pro Kind, um das er sich nicht genauso viel gekümmert hat, für das er nicht genau so viel beruflich zurück gesteckt hat, bis an das Ende ihres Lebens 1.000 Euro zahlen.

In Worten: Eintausend Euro.

Ich hab erst überlegt, ob ich 500 Euro schreiben sollte, aber wisst ihr was? Das ist viel zu wenig! Der Verlust an Lebenseinkommen pro Kind ist bei Müttern enorm, man kann nicht wirklich überschätzen, wie enorm. Während ein westdeutscher Mann ein gemitteltes Lebenseinkommen von 1,5 Millionen Euro haben wird (Quelle), hat eine westdeutsche Mutter 62 Prozent weniger, nur 578.000 €! Da liegt fast eine Million dazwischen. Und ja: Das Problem heißt Mutterschaft! Kinderlose Frauen verdienen nur etwas 13 Prozent weniger – das ist immer noch ein Unterschied, aber mit gut 1,3 Millionen ist der Abstand zu Männers nicht so groß.

Wenn Mütter also fast eine Millionen Euro auf ihr Leben gerechnet weniger verdienen und diese Lücke mit jedem Kind größer wird (Quelle), dann wird ein Schuh aus meinen 1.000 € pro Kind. Nehmen wir an unser Hetero-Ehepaar wird Eltern wenn sie 30 Jahre alt ist und lässt sich dann nach zehn Jahren scheiden – denn darum geht es ja hier! Nun ist sie 40 und Hausfrau und steht da und wird bis an ihr Lebensende insgesamt etwa eine Million Euro weniger verdient haben, als er – hallo Altersarmut mit Hauptrisikofaktor: Geschlecht weiblich (Quelle).

Wenn sich die beiden, die inzwischen zwei Kinder haben, geeinigt haben, dass sie pro Kind nach der Scheidung monatlich 1.000 € von ihm bekommt, dann sind das auf 40 Jahre (nehmen wir der Einfachheit halber an, sie lebt noch 40 Jahre) gerechnet 2.000x12x40 = 960.000 € – also ziemlich genau die fast-Million, die sie wegen ihrer Mutterschaft nicht verdient! So eine Verabredung zu treffen kann zwei Dinge bewirken:

  1. Wer bei der Geburt eines Kindes eine solche Verabredung trifft (und haltet bloß GENAU fest, was Hälfte-Hälfte Sorge bedeutet! Das beginnt bei der Elternzeit, geht weiter über Karriere-Schritte (Teilzeit, Beförderungen, Überstunden usw…) und endet bei Mental Load, lest Patricias Buch!), der hat einen starken Anreiz geschaffen, dass der Typ in der Ehe sich alles doch noch einmal *sehr* genau überlegen wird.
  2. Falls es – was unter diesen Umständen recht unwahrscheinlich sein dürfte, aber hey, alte Gewohnheiten sind sehr sehr stark – zu einer Ungleichaufteilung der Sorgearbeit kommt, sie weniger verdient, Teilzeit arbeitet usw… – also das ganz übliche “huch, also wir waren eigentlich mal emanzipiert, aber dann kam das Kind!” – dann gibt es immerhin eine Sicherheit für die Frau.

Ich habe viele Jahre gegrübelt, wie man junge Frauen davor bewahren kann, in die ewig gleiche Falle zu tappen (in die ich übrigens anfangs selbst getappt bin, believe me! – aber nach der Trennung wurde das immerhin besser). Und ich glaube, dass alle Verabredungen und langen Gespräche und Awareness usw… total lieb und nett sind, aber am Ende höre ich doch von jedem zweiten werdenden Papa, dass er “die zwei Vätermonate” nimmt und ich bin mir absolut sicher, dass nur Geld, kaltes, schnödes Geld, ein Umdenken bringen kann. Und wenn es Diskussionen darüber gibt, dass 1.000 € jawohl ein wenig arg… also bitte, TAUSEND Euro! Dann rechnet es vor (siehe oben). Und außerdem: Es muss ja nicht so kommen – er hat es ja in der Hand, indem er seinen Teil der Verantwortung übernimmt.

 

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Eltern interessieren sich nicht für Schule

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Okay, okay – ich gebe zu, eine provokante These. Die muss man erstmal untermauern.

Aber zuerst möchte ich ein Gespräch mit meinen Kindern nacherzählen. Da ging es um die Frage, was ein Bundeselternrat ist. Ich erklärte, dass es ja in jeder Klasse Elternvertreter*innen gibt, zum Beispiel bin ich gerade eine. Aber: Das bin ich nur, weil gerade Corona ist und ich mitbekommen will, was passiert und wo man im Zweifel Druck und Stress machen muss. Wäre das nicht, hätte ich nicht kandidiert und wie die meisten Eltern habe ich dafür extrem gute Ausreden (getrennt erziehend, Unternehmenschefin – ich könnte noch eine vergangene Depression in die Waagschale werfen, die mich dazu bringt, besser auf mich zu achten und nicht überall “ich mach’s!” zu rufen).

Jedenfalls erklärte ich, dass es aus jeder Klasse Elternvertreter*innen gibt, die dann zur Gesamtelternvertretung, kurz GEV, zusammenkommen, wo auch die Schulleitung zugegen ist und Dinge besprochen werden. Die GEV, so erklärte ich weiter, wählt Bezirkselternvertreter, die wiederum wählen Leute in den Landeselternrat und die wiederum wählen Leute in den Bundeselternrat. So geht das also. Und dann hat man irgendwie eine Stimme und kann mitreden, oder es zumindest versuchen.

Aha. Die Kinder fragten, wie das so ablaufe, also wie man das alles wird. Ob man da irgendwas besonderes können muss. Sich beweisen muss. Weil schließlich will man ja von den anderen Eltern gewählt werden, also muss man von denen als besonders geeignet empfunden werden. So stellten sich die Kinder das vor. Ich zum Beispiel habe ja Erziehungswissenschaften studiert und beschäftige mich seit 20 Jahren mit Bildungs- und Schulpolitik. Als ich erklärte, dass man das einfach wird, indem man eben kandidiert und dann wird man sehr sicher gewählt, weil alle froh sind, dass man es macht, weil keiner das machen will, da waren sie schon etwas erstaunt, vielleicht, weil sie das von Klassensprecher*innenwahlen irgendwie anders kennen.

Aber es ist so: Man wird Elternsprecherin, indem man kandidiert. Alle werden einen wählen und hinterher sagen sie “Danke, dass du das machst”, weil sie nämlich alle keine Zeit dafür haben oder vielleicht denken, dass es eh verschwendete Zeit ist. Das ist es aber nicht! Man bekommt alles haarklein mit und vor allem hat man auf einmal die Chance, bei der GEV der Schulleitung direkt Fragen zu stellen! So habe ich zum Beispiel erfahren, dass der Schulleitung die Hände gebunden sind, was Maskenpflicht im Unterricht angeht. Sie DARF das nicht anordnen. Auch dürfen Berliner Schulleiter*innen nicht einfach so ein Best Practice Digital-Paket kaufen, das in anderen Ländern genutzt wird, weil irgendwelche Verträge das verhindern. Das was sie kaufen dürften, funktioniert aber nicht wirklich. Deswegen gibt es eine Petition, und die könnten zum Beispiel die Eltern unterstützen.

Bloß: Die Eltern wissen davon in der Regel nichts. Denn das, was viele Elternvertreter*innen machen, ist das unkommentierte Weiterleiten von Protokollen und Briefen und sonst nichts. Ach – pardon! – das war unfair! Sie übernehmen natürlich auch die unglaublich wichtige Aufgabe, den Weihnachtsbuffet-Tisch zu organisieren, also dass jede*r was mitbringt und nichts doppelt ist und natürlich die Blumensträuße für das Jahresende zu besorgen! Dann sagen wieder, wie zu Beginn des Schuljahres, als sie als einzige kandidiert haben, weil sonst niemand wollte, alle: Danke! Danke, dass du das machst.

Als im März und April die Schulen komplett zu waren, da hörte man viele Eltern jammern, dass die Schulen zu waren. Auf einmal waren sie allein mit der Aufgabe, das Kind zum Lernstoff zu bringen. Und manche, viel zu viele, waren wirklich, wortwörtlich: ALLEIN. Denn es gab von Schulen erst einmal nicht viel Hilfe. Man bekam Aufgabenblätter zugeschickt, Glück gehabt, wer einen Drucker hatte, und dann sollte man eben schauen. Manche Schulen schafften recht schnell, dass Lehrer*innen per Online-Konferenz mit ihren Schüler*innen wenigstens einmal täglich zusammenkamen und sprachen. Aber die meisten Eltern fühlten sich allein gelassen und waren komplett überfordert. Niemand hatte ihnen zum Beispiel gesagt, dass es hilft, jeden Tag einen Plan zu machen, zusammen mit den Kindern: Einen Stundenplan! Um Struktur in den Tag zu bringen. Und dass auch Pausen wichtig sind. Oder dass es wichtig für ein Kind ist, zu wissen, wann “der Schultag” vorbei ist und es Eis gibt oder Switch spielen oder der tägliche Spaziergang. Viele Eltern sind einfach so in den Tag gestartet, ohne einen Plan und die Tage sind ihnen irgendwie passiert. Und jeden weiteren Tag wurde es anstrengender und die Kinder unmotivierter und die Konflikte größer. Wenn man nie gelernt hat, Kinder zu unterrichten und den Tag mit ihnen zu strukturieren, dann ist man überfordert. Deswegen atmeten so viele Eltern so auf, als die Schule wieder öffnete und ich glaube, das ist das, was bei der KMK und bei den Schulminister*innen ankam: Wehe ihr schließt uns die Schulen!

Und aus Mangel an einem Zwischenweg, ein Weg zwischen: Alle stapeln sich ohne Abstand und ohne Maske im Unterricht (in Berlin bis zu 32 Kinder in einem Raum) und alle sitzen komplett hilflos und unmotiviert zuhause – haben die Schulpolitiker*innen das Mantra vor sich hergetragen, dass der Unterricht garantiert werden muss, bis es einfach nicht mehr anders geht. Denn zum ersten Mal haben sie etwas erlebt, das sie bis dahin nicht kannten: Die Eltern waren laut geworden. Sie haben Hashtags erfunden. #Coronaeltern. Sie waren in der Presse. Sie waren sehr wütend. Auf einmal spürten die Kultusminister Druck – ich glaube, das war komplett ungewohnt für sie! Und weil die KMK das vielleicht einfallsloseste und uninspirierteste Gremium dieses Landes ist, hat sie gesagt: Alles klar – wir werden alles geben, damit alles so bleibt, es vor Corona war!

Und die Eltern: Haben sich mal wieder damit abspeisen lassen.

Ich könnte jetzt einen ewiglangen kapitalismuskritischen Exkurs hier einfügen, der von der Notwendigkeit, zu arbeiten, als Arbeitskraft verfügbar zu sein, den Überstunden, den Alleinerziehenden, die eh im Arsch sind, den Überforderungen und hohen Mieten usw… handelt und nur auf eins hinausläuft: Die meisten Eltern, die ich kenne, gehen eh schon auf dem Zahnfleisch. Auf die eine oder die andere Art. Sie haben schlichtweg keine ZEIT, auch noch die Aufgaben oder die Versäumnisse der Schule aufzufangen und ihnen fehlt oft auch das Wissen um moderne pädagogische Konzepte, also das Wissen, dass ALLES, was für sie NORMAL ist, auch komplett anders gehen könnte. Ich kenne so viele Eltern, die ihre Kinder aufs Gymnasium schicken, weil man das so macht. Weil das angeblich die beste Schulform sein soll. In anderen Bundesländern mag das so sein. In Berlin ist das schon erstaunlich, denn auf den Integrierten Sekundarschulen kann ein*e Schüler*in auch das Abitur machen, hat allerdings kleinere Klassen (26, statt 32 Kinder), hat oft eine Doppelbesetzung (ja, das bedeutet ZWEI Lehrer*innen in der Klasse! krass, oder?), hat weniger Stress und mehr Zeit (Abitur in 13 Jahren, statt in 12) und vor allem eine entspanntere Oberstufe. Und trotzdem schicken Eltern Kinder mal lieber aufs Gymnasium, weil sie das nicht wissen. Und weil sie nicht gelernt haben, sich ein Urteil darüber zu bilden, was eigentlich eine gute Schule ist. Und weil sie denken: Es werden schon alle Schulen irgendwie gleich gut sein, weil das sind ja staatliche Schulen, das ist ja sicherlich egal, auf welche mein Kind dann geht. Da geht das eigentlich alles los mit den Problemen, es fängt damit an, dass Eltern die Alternativen nicht kennen und sie haben in der Regel nicht die Zeit, sich um all das intensiver zu kümmern, hinter die Fassaden so mancher Schulen zu schauen und auseinander zu halten, was die eine Schulart von der anderen unterscheidet. Und ganz oft wollen Eltern einfach: Ihre Ruhe.

Und I feel you. Aber: Niemals wird sich so etwas ändern. Nie. Es gibt ein paar engagierte Eltern und ein paar engagierte Schulen und die finden im Idealfall zueinander und der Rest…? Tja. Der Rest findet sich dann eben auch, und zwar im Mantra der KMK, dass bitte einfach die Schulen auf sein sollen, damit sie arbeiten gehen können. Im Hort werden alle Kinder verschiedener Klassen gemischt betreut? Auch während 14.714 Corona-Neuinfektionen gemeldet sind und die 7-Tage-Inzidenz im Bezirk weit über 100 ist? – Auftritt Optimism Bias! Ja, das ist schon schwierig, aber es geht halt auch nicht anders. Wie soll es denn anders gehen?

Doch, sage ich. Es GEHT anders! Aber man muss sich eben dahinterklemmen, man muss eben motzen. Erst den Klassenlehrer*innen auf den Keks gehen, den Schulleiter*innen auf den Keks gehen – was ich allerdings in Berlin sein lasse, weil ich weiß, dass denen die Hände gebunden sind – und dann geht man gefälligst auf die Barrikaden! Warum gibt es nach über 6 Monaten kein etabliertes digitales Lernen an allen Schulen? Warum riskiert man einen neuen Lockdown, anstatt gleich und sofort auf Nummer sicher zu gehen und die Klassen zu teilen, Präsenz- und digitalen Unterricht abzuwechseln? Warum keine Masken im Unterricht? Weil die Covidioteneltern dann motzen? Sind die wirklich lauter, als die normalen Eltern? – Offenbar ja! Die mögen vielleicht auf nem kompletten Irrweg unterwegs sein – aber sie sind immerhin engagiert und sie schreiben erboste Mails und reißen das Maul auf und schicken Unmengen Links an alle anderen Eltern, die eigentlich nur ihre Ruhe wollen und deswegen nichts sagen (ich habe was gesagt – und ratet, was man zu mir am Elternabend sagte: Danke, dass du was gesagt hast!).

Und ja – doch – es ist ein bisschen unfair zu sagen, dass Eltern sich nicht dafür interessieren, was in der Schule abgeht. Ich erlebe das ja bei Elternabenden, dass sie durchaus in der Lage sind, zu benennen, wenn eine Lehrkraft total daneben ist. Oder wenn Mathe oder Chemie ganz schlecht vermittelt werden und ihre Kinder nicht mitkommen und schlechte Noten deswegen bekommen. Das stresst sie. Das stresst direkt – wenn die Kinder nicht mitkommen und schlechte Noten DROHEN, das stresst, da sagen Eltern was. Es stresst sie auch, wenn sie nicht genau wissen, was sie tun sollen, wenn ihr Kind inmitten der Pandemie Erkältungssymptome hat. Soll es dann wirklich immer zuhause bleiben? – Es beruhigt sie sehr, wenn sie zu hören kriegen, dass das Kind, so es denn kein Fieber oder erhöhte Temperatur hat, in die Schule kommen kann. Da freuen sich alle, denn Eltern wollen ihre Ruhe und ein Kind zuhause ist nicht Ruhe.

Das Problem ist: Der Weg zu einer besseren Schule führt durch eine Zeit, eine eventuell lange, anstrengende Zeit, in der man ganz bestimmt nicht seine Ruhe hat. Man müsste Unterschriftenlisten sammeln. Oder streiken. Petitionen schreiben. Vor dem Abgeordnetenhaus protestieren. Man müsste sich vernetzen, die Presse kontaktieren, denn so lässt sich immer noch am besten Druck auf die Politik machen, man müsste aktiv an Schule teilhaben, hospitieren und mitschreiben, was alles nicht gut läuft, man müsste in den Austausch mit den Schulleiter*innen gehen, die sind sogar richtig oft auf der Seite der Eltern und wünschten sich, dass diese mal mehr Druck machen. Alles das beginnt mit dem Schritt, auch mal Elternsprecher*in zu sein, mal mitzubekommen, was an der Schule abgeht, was im Bezirk abgeht, was im Land abgeht und sich mit anderen Eltern auszutauschen. Man müsste auch “riskieren”, dass man mal ne Weile sein Kind zuhause betreuen muss, weil es nicht in die Schule geht unter diesen Umständen – das wiederum muss man sich leisten können, von der Arbeit her (ich muss doch irgendwann diesen kapitalismuskritischen Exkurs aufschreiben!). Und weil das alles viel zu viel verlangt ist und die eigenen Kräfte übersteigt, resigniert man. Das, was man kriegt – das REICHT ja. Es ist ja gerade genug, um klarzukommen, um sich über Wasser zu halten.

Bis der nächste Lockdown kommt und wir alle merken, dass das, was Schule zu bieten hat, schon sehr lange nicht mehr reicht. Aber wenigstens hatten wir dazwischen ein paar Monate lang unsere Ruhe.

Update 24.10.2020, 11:04 Uhr: Ich habe die Schulleitungen vielleicht zu schnell vom Haken gelassen, denn grade kam diese Meldung bei mir rein: Die erste #Berliner #Schule pfeift auf den Stufenplan der Verwaltung: Im Rückert-Gymnasium (TempSchö) gilt “angesichts der hohen Inzidenzwerte” ab Montag #Maskenpflicht für alle. Und ich erkenne: Auch mehr ungehorsame Schulleitungen können Teil der Lösung sein.

Dann eben wieder bloggen

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Vor 15 Tagen wurde mein Twitter-Account @dieKadda gesperrt. Zuerst konnte ich das nicht wirklich fassen. Gesperrt? ICH?!

Ja: Ich. Wegen eines Tweets, dessen Worte ich mir vorher sehr genau überlegt habe, es war kein Reflex-Tweet, es war eine Antwort. Eine Nonemention an jene guten Menschen in meiner Timeline, die sich ob des Hashtags #TrumpHasCovid dabei ertappten, dass sie sich freuten. Gute Menschen, weil sie sich sofort dafür schämten. Deswegen schrieb ich:

“Ich glaube, es ist okay sich über #TrumpHasCovid zu freuen.”

Ich habe Trump damit nicht gewünscht, dass er krank, gar schwer krank oder sterbenskrank wird. Er hat es einfach bekommen und damit schien es plötzlich möglich, dass die monatelange Trump-Show zum Thema Covid-19 eine Wendung bekommt.

Trump hat das Virus über ein halbes Jahr lang erst als Hoax bezeichnet, als nicht so schlimm, es relativiert, die Bevölkerung angelogen, es heruntergespielt und immer wieder demonstrativ gezeigt, dass er auf Masken einen Scheiß gibt. Er wurde sogar in diesem Land zur Gallionsfigur der Covid-Leugner und jener, die Masken als “Maulkorb” bezeichnen. Sich zu freuen, dass einer wie er, und damit hoffentlich Hunderttausende, die seinen Quatsch glaubten, nun eines Besseren belehrt wird, ist nicht verwerflich. Wie die Psychologin Lea Boecker im Spiegel-(€)-Interview sagt, ist das eher ein Zeichen dafür, dass man noch hofft, dass die Welt nach gerechten Regeln funktioniert. Dass auch jemand wie Trump Konsequenzen seines Handelns erfährt (und wie Mary Trump, die ebenfalls Psychologin ist, in ihrem Buch “Too Much and Never Enough” darlegt, ist genau das immer das Problem in der Familie Trump gewesen, die Abwesenheit von Konsequenzen ist es, die das “Monster” Trump erschuf).

Weiter ging mein Tweet: “Durch diesen Mann sind so viele Menschen gestorben, erleiden unnötiges Leid, der Hass, die Gewalt eskalieren. Es ist okay, dass man kurz hofft, dass es vielleicht so aufhört.” (Der Tweet ist inzwischen gelöscht, auf Mastodon kann man ihn aber noch sehen)

Aufmerksamkeit von rechts

Danach ging meine Mentions-Spalte steil, denn ich hatte offenbar einige Beachtung in rechten Kreisen bekommen. Und mit den Mentions wurde offenbar auch fleißig gemeldet, so dass ich recht bald gesperrt wurde.

Ein Video von meinen Mentions, kurz bevor ich gesperrt wurde.

Die Begründung für die Sperrung lautete:

“Du darfst dich nicht an der zielgerichteten Belästigung von Nutzern beteiligen oder andere dazu ermuntern”

Was ich nicht getan habe. Wie man in obigem Video sieht, bin ich eher genau davon Opfer geworden. Weiter heißt es:

“Jemand anderem körperlichen Schaden zu wünschen oder Hoffnungen in dieser Richtung zu äußern, zählen zu einem solchen Verhalten dazu.”

Wie schon gesagt, habe ich meine Worte mit Bedacht gewählt, denn jemand anderem körperlichen Schaden zu wünschen ist einfach auch nicht meine Art. Ich wünsche oder hoffe nicht einmal selbst, sondern bemerke, dass ich es okay finde, wenn man “kurz hofft”, dass es so aufhört. Dass was aufhört? Na was im Satz davor steht: dass Menschen sterben, dass sie unnötiges Leid erleiden und dass Hass und Gewalt geschürt werden.

Die gängige Interpretation von denjenigen, die sich aufgeregt und gemeldet haben, die bei genauer Betrachtung – ich habe mir deren Profile angesehen, während ich fleißig blockte – zu 90 % entweder Covid-Leugner oder eben Rassisten waren, war: Katrin Rönicke wünscht Trump den Tod. Ich finde, das sagt mehr über diese Leute aus, als über mich und ich wundere mich sehr, dass Twitter dieser Interpretation gefolgt ist. Wenn man einigermaßen Leseverständnis hat, steht das da nämlich nicht.

Covid-19 im Fokus der Debatte

Für mich persönlich war die Nachricht, dass Trump erkrankt ist, in der Tat ein kurzer Hoffnungsschimmer, dass sich nun auf irgendeine Weise etwas ändert. Nicht durch seinen Tod, oder weil er so schwer erkrankt, dass gar nichts mehr geht – sondern weil es gerade nach dem Duell gegen Biden, in dem Trump vielleicht nicht einmal wusste, welche Geister er rief, als er zu den “Proud Boys” sprach, einfach mal kurz um etwas anderes ging, als Trump wollte. Trumps Taktik war bis dahin, im Wahlkampf den Fokus von COVID-19 und seinem völligen Versagen auf dem Feld – und Versagen ist schon ein Euphemismus, wenn man bedenkt, dass Hunderttausende US-Amerikaner gestorben sind! – abzulenken, vor allem indem er den starken Mann gegen die #BLM-Proteste im Land spielte. Der starke Mann ist durch und durch Trumps Lieblingsrolle – insofern passt eine Covid-Infektion doppelt nicht in den Plan.

Trumps Umfragewerte sinken in der Tat seit der Infektion, es scheint ihm immer schwerer zu fallen, über seine Hardcore-Fans hinaus Menschen für sich zu begeistern*. Sprich: Die Covid-19-Infektion könnte ihn die Wahl kosten. Die Hoffnung, dass es so endet, nämlich indem die Covid-Infektion den letzten Ausschlag geben könnte, Trumps Wiederwahl am 03.11. zu verhindern, die ist nicht einmal falsch gewesen.

Die Trump-Show geht weiter

Was dann kam, wissen wir alle: Trump kam ins Krankenhaus (hier versuchte das Weiße Haus herunterzuspielen, wie ernst es um ihn stand), er produzierte von dort ein paar Bilder, die signalisieren sollten, dass er immer noch imstande war, seinen Job zu machen, dann kam er sehr schnell, vorzeitig, wieder zurück ins Weiße Haus und inszenierte sich sofort mit noch mächtigerer Bildsprache als den, der das Virus besiegt hat – das Coronavirus sei “like a blessing from god”. Und dann als den, der zeigt: JEDER kann das Virus besiegen, dazu Werbung für eine Pharma-Firma, mit dessen CEO er verkumpelt ist, Anpreisung der noch experimentellen Theapie als “Cure” und dass er wolle, dass ALLE diese Behandlung bekommen. Also er *will* das. Aber er hat nicht gesagt, dass er *dafür sorgen* wird.

Wie dem auch sei: Durch die schnelle Genesung konnte die Trump-Kampagne auch schnell wieder dazu übergehen, die Bildsprache des starken Mannes noch weiter hochzufahren. Sehr schön analysiert von meinen Kolleg*innen bei Lakonisch Elegant. Die Trump-Show kann weitergehen, dank der magischen Genesung des Präsidenten, für dessen Anhänger*innen nun umso klarer ist, dass er mit allem Recht hatte: Das Virus ist also wirklich nicht so schlimm und er wird alle retten (naja, er WILL. Aber sie verstehen WIRD). Insofern ist die schnelle Genesung in Bezug auf die oben geschilderten Hoffnungen – Hoffnung auf einen Wechsel, auf eine Wahlschlappe am 03.11., auf ein Ende der Gewalt, des Hasses und des Leids – nicht gerade förderlich. Und das war absehbar.

Fazit

Mein Tweet wünschte Donald Trump keinen körperlichen Schaden, sondern dem amerikanischen Volk ein Ende der Präsidentschaft durch Donald Trump. Ich gebe zu: Eine so schnelle Genesung habe ich ihm auch nicht gewünscht. Warum, haben wir jetzt alle gesehen.

Twitter lässt mich an mein Konto nur, wenn ich meine Handy-Nummer abgebe, damit sie mir eine SMS schicken können. Ja, ich habe schon eine Prepaid-Zweitnummer bestellt, weil das auch für andere Zwecke ja auch mal sinnvoll sein kann – ich habe schließlich auch eine gesonderte E-Mail-Adresse für solche Zwecke. Doch die Zweitnummer wird für den Account von anekdotisch evident draufgehen (wurde einfach mal mitgesperrt; angeblich “automatisiertes verdächtiges Verhalten”) und man kann keine Nummer zweimal benutzen. Und eine Drittnummer werde ich mir nicht zulegen. Nicht für twitter. Nicht nach dieser Aktion. Stattdessen wird jetzt eben wieder gebloggt. Hallo und willkommen bei nebenbei bemerkt, dem Blog, in dem ich meine Gedanken, Analysen, Fotos, Buchtipps, Kurzgeschichten (who knows?) und ja – auch ein paar nicht gesendete Tweets festhalten werde.

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* Jaja, die Umfragen sind vermutlich für die Tonne, aber auch, wenn sie nicht darstellen, was die Realität ist und es Fehler gibt, so kann man Trends erkennen und die Trends zeigen seit der Covid-Diagnose abwärts für Donald Trump.

Update vom 19.10.2020:

Nach 17 Tagen Sperre hat es heute geklappt. Ich konnte die neue Zweitnummer tatsächlich für beide Accounts nutzen, habe dann noch Einspruch gegen die Löschung des Trump-Tweets eingelegt und jetzt bin ich wieder da und der Tweet ist es auch.